Ein Gedicht!


Nidberg bei Sargans

228. Der im Schlaf Besiegte

Auf Nidberg sitzt ein Rittersmann, 
Den nicht sein Feind bezwingen kann, 
Er schanzet in den Nächten, 
Am Tage tät er fechten.

Von keinem Stoße wankt sein Turm, 
Es prasselt nieder was im Sturm 
Die Zinnen will ersteigen, 
Und um die Burg ist Schweigen.

Die Knechte zogen, flogen fort, 
Sein Feind, ermüdet liegt er dort 
Im Tal, am Quell im Grunde, 
Da wäscht er seine Wunde.

Darüber kommt die dunkle Nacht, 
Der Feind in schweren Sorgen wacht, 
Als auf geheimen Wegen 
Ein Weib ihm trat entgegen.

Sie rührt an sein gesenktes Haupt, 
Sie sprach: »Folgt mir, wenn Ihr mir glaubt! 
Ich geb‘ ihn Euch bezwungen 
Mit dem Ihr habt gerungen.«

Der Feind, er sprach: »Du schwaches Weib, 
Du willst mir stellen seinen Leib 
Durch Schanzen, Türme, Waffen, 
Willst heut‘ ihn mir noch schaffen?«

So fragt er sie und Mondenlicht 
Scheint auf ihr bleiches Angesicht, 
Ihr Auge flammt in Trübe 
Wild wie betrogne Liebe.

Da sprach der Feind: »Ich glaub‘, du kannst! 
Mit welchem Zauber du ihn bannst, 
Mir gilt es gleich! komm, führe 
Durch Tore mich und Türe!«

Sie führet ihn, doch durch kein Tor, 
Sie führet ihn den Berg empor 
Zu einem Felsenzinken, 
Dort sieht die Burg er winken.

Dort ragt sie mächtig in die Luft, 
Dazwischen ist nur kleine Kluft, 
Beleuchtet stehn, vom Schimmer 
Des Mondes, Gang und Zimmer.

Und nah, ganz nah im Kämmerlein, 
Da sieht er in des Mondes Schein 
Den Feind von lauter Siegen 
Ermattet schlafend liegen. 

Von der entblößten Stirne heiß 
Rinnt noch der langen Arbeit Schweiß; 
Viel alte Narben wieget 
Die Brust, die offen lieget.

»Dort,« spricht das Weib mit tiefer Wut, 
»Ich kenne seine Kammer gut, 
Ich kenne seinen Schlummer, 
Den tiefen ohne Kummer.

Schnell send ihm deines Pfeiles Schmerz, 
Triff jählings ihn, triff ihn ins Herz! 
Das Fenster stehet offen: 
Was willst du Beßres hoffen?«

Wohl zittert vor dem Schläfer noch 
Der arge Feind; er zielte doch 
Und flimmernd hat vom Bogen 
Ein Pfeil die Luft durchflogen.

Und jener weiß nicht, wer ihn traf, 
Fährt nach der Brust im süßen Schlaf, 
Haucht aus im Traum sein Leben; 
Der Feind erblickt’s mit Beben.

Zu seinem Volke kehrt‘ er um; 
Das bleiche Weib stand lange stumm, 
Ihr Blick ruht‘ auf der Kammer 
Und sah sich satt am Jammer.

G. Schwab.

Aus: Rhein-Sagen von Karl Simrock

https://www.projekt-gutenberg.org/simrock/rheinsag/chap133.html

Rheinsagen aus dem Munde des Volks und deutscher DichterKarl Simrock

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